Während man über Beförderungen, Erfolge und Leistungen im Job offen spricht, sieht das bei Stillstand anders aus. Dabei betrifft er viele, vor allem langjährige Beschäftigte, die scheinbar alles richtig machen und doch nicht weiterkommen. Das Phänomen hat einen Namen: Der Totwasser-Effekt hat seinen Ursprung auf hoher See, lässt sich aber auch auf die Arbeitswelt übertragen.
Woher stammt der Begriff – und was passiert beim Totwasser-Effekt?
Der Begriff „Totwasser“ geht auf den norwegischen Polarforscher Fridtjof Nansen zurück. 1893 bemerkte er während einer Expedition in den arktischen Gewässern, dass sein Schiff wie gebremst auf dem Wasser fuhr. Die Maschinen liefen, der Wind stand günstig und doch kam das Schiff kaum voran. Erst Jahre später konnte der schwedische Ozeanograph Vagn Walfrid Ekman den Effekt nachweisen: Er entsteht, wenn sich Schichten aus Süß- und Salzwasser treffen und sogenannte innere Wellen bilden. Diese erzeugen einen unsichtbaren Widerstand, der die Schiffe ausbremst.
Für die moderne Schifffahrt ist das heute meist kein Problem mehr: Schnelle Schiffe überwinden diese Zonen mühelos. Doch für langsame Boote vergangener Zeiten war das Totwasser eine reale Gefahr. Manche Historiker vermuten sogar, dass der Effekt eine Rolle in der berühmten Seeschlacht von Actium spielte, in der Kleopatra und Marcus Antonius Octavians kleineren, wendigeren Schiffen unterlagen.
Wie lässt sich der Totwasser-Effekt auf die Arbeitswelt übertragen?
Auch in der Arbeitswelt gibt es dieses unsichtbare „Gegenwasser“. Die Rahmenbedingungen scheinen mit einer stabilen Position, mit Erfahrung, Routine und vielleicht sogar Anerkennung zu stimmen. Doch beim genaueren Hinsehen fehlt der Vortrieb und die Entwicklung steht still, obwohl der Motor und Wind, also die Motivation und die Fähigkeiten, eigentlich vorhanden sind.
Der Totwasser-Effekt beschreibt diesen Moment des beruflichen Stillstands. Betroffene spüren, dass sie nicht mehr vorankommen, obwohl sie Leistung bringen. Anders als beim Burn-out geht es dabei nicht um Überforderung, sondern um das Gegenteil: um eine Form von Unterforderung, die schleichend den Arbeitsalltag bestimmt.
Generation 55plus: Wer besonders betroffen ist
Häufig trifft der Totwasser-Effekt Beschäftigte ab etwa 55 Jahren. Viele haben über Jahrzehnte Verantwortung getragen, Teams geführt und Wissen aufgebaut. Doch in dieser Lebensphase ändert sich im Job oft die Dynamik: Jüngere Kollegen übernehmen zunehmend die Schlüsselpositionen, die Aussicht auf größere Karriereschritte sinkt, Weiterbildungsangebote sind rar oder auf andere Zielgruppen zugeschnitten. Wenn dann auch noch irgendwann die wichtige Erfahrung der langjährigen Mitarbeitenden nicht mehr gefragt ist, wird der Totwasser-Effekt überdeutlich spürbar.
Was lässt sich gegen den Totwasser-Effekt tun?
Um aus dem ungewollten Strudel herauszukommen, liegt der Schlüssel in der Bewegung und nicht unbedingt im Wechsel des Arbeitsplatzes. Unternehmen können dazu beitragen, indem sie die Entwicklung ihrer Angestellten nicht an das Alter, sondern an das Potenzial knüpfen.
Diese Aspekte könnten dazu beitragen:
- gezielte Weiterbildungsangebote, die auch langjährige Mitarbeitende einbeziehen
- Möglichkeiten, Wissen weiterzugeben, etwa als Mentoren
- klare, transparente Perspektiven für die letzten Berufsjahre
- eine Unternehmenskultur, die Leistung in jeder Lebensphase wertschätzt
Selbst betroffen? Das können Beschäftigte tun
Der erste Schritt für eine Änderung ist, sich die Situation bewusst zu machen. Dass man sich selbst im „Totwasser“ befindet, erkennt man selten sofort und oft erst dann, wenn sich Unzufriedenheit oder Gleichgültigkeit breitmachen. Wer merkt, dass die eigene Arbeit keine Entwicklung mehr bringt, sollte innehalten und ehrlich prüfen, woran das liegt. Fehlen neue Aufgaben? Reizt der Job nicht mehr? Oder fehlt schlicht die Perspektive?
Hilfreich ist es, das eigene Profil neu zu betrachten: Welche Fähigkeiten sind vorhanden und welche könnten geschärft werden? Oft eröffnen sich Chancen, wenn Wissen weitergegeben oder neu kombiniert wird, zum Beispiel durch Mentoring, Projektarbeit oder fachliche Spezialisierungen. Auch Gespräche mit Führungskräften oder der Personalabteilung können Bewegung in die Sache bringen. Wer selbst Ideen einbringt und Veränderungswünsche formuliert, signalisiert Bereitschaft und kann Impulse setzen, um im übertragenden Sinn wieder Fahrt aufzunehmen – und den eigenen Kurs aktiv zu bestimmen.
Urheber des Titelbildes: rangizzz / 123RF Standard-Bild
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