„Er hat den Job doch nur wegen Vitamin B bekommen!“ Dieser Satz dürfte in vielen Büros hinter vorgehaltener Hand schon einmal gefallen sein. Was genau steckt hinter dem Vergleich zu einem Nährstoff? Und warum spielt Vitamin B im Berufsleben eine größere Rolle, als man auf den ersten Blick vermuten würde?
Was genau ist mit Vitamin B gemeint?
Vitamin B ist in erster Linie natürlich ein klassischer Nährstoff. Genauer gesagt handelt es sich um eine ganze Gruppe von Mikronährstoffen, darunter B1, B6 und B12. Da der Körper sie nicht selbst herstellen kann, müssen sie über die Nahrung aufgenommen werden – etwa über Vollkornprodukte, Fleisch und Fisch oder grünes Gemüse. Gemeinsam übernehmen die B-Vitamine wichtige Aufgaben im Körper, da sie zur Energiegewinnung beitragen und ein normales Nervensystem unterstützen.
Ist im beruflichen Kontext von Vitamin B die Rede, geht es weniger um Nährstoffe als um Netzwerke, Kontakte und Beziehungen. Wer „Vitamin B“ hat, kennt Menschen, die Tipps geben, Empfehlungen aussprechen oder Türen öffnen. Dabei spielt der Ausdruck bewusst mit der Doppeldeutigkeit: So wie echte B-Vitamine die körperliche Leistungsfähigkeit unterstützen, sorgt das „soziale“ Vitamin B dafür, dass im Job Wege kürzer, Hürden niedriger und Möglichkeiten größer werden können.
Gibt es den Begriff auch in anderen Ländern?
Das Bild vom Vitamin B ist typisch deutsch. Es spielt direkt auf das Wort „Beziehungen“ an. Seinen Ursprung hat es wahrscheinlich im Zweiten Weltkrieg, als Lebensmittel knapp waren und Beziehungen hilfreich waren, um bei der Nahrungsmittelverteilung bevorzugt behandelt zu werden.
In anderen Ländern kennt man den Begriff so nicht, die Idee dahinter ist jedoch universell. Im Englischen spricht man meist schlicht von „connections“, „networking“., teils auch vom „Old Boys Network“. Sehr geläufig ist der Satz: „It’s not what you know, it’s who you know“ – also nicht das Wissen entscheidet, sondern die richtigen Kontakte.
Die Franzosen greifen zu einem anderen Bild: Wer dort „avoir du piston“ hat, besitzt buchstäblich einen „Kolben“. Gemeint ist der Schub, der jemanden nach vorne bringt – eben durch Beziehungen. In Spanien sagt man „tener enchufe“, was übersetzt „eingesteckt sein“ bedeutet. Wer also an der richtigen Steckdose hängt, kommt leichter ans Ziel. Und in Italien? Dort heißt es einfach und schlicht „avere conoscenze, also „Bekanntschaften haben“.
Warum ist Vitamin B heute noch relevant?
Auch in der modernen Arbeitswelt zählen Fachwissen und Qualifikationen, doch Netzwerke in Verbindung mit sozialen Kompetenzen und strategischem Denken haben einen mindestens genauso hohen Stellenwert. Viele Jobs werden beispielsweise erst gar nicht öffentlich ausgeschrieben, sondern über persönliche Empfehlungen vergeben. Vitamin B kann hier Türen öffnen, die sonst verschlossen bleiben.
Wer sein Vitamin B clever einsetzt, profitiert in vielerlei Hinsicht:
- ein erleichterter Zugang zu Karrierechancen und Projekten für sich selbst sowie für Familie und Freunde
- eine frühzeitige Informationen über Entwicklungen im Unternehmen oder der Branche
- Unterstützung bei Herausforderungen oder schwierigen Entscheidungen bei Bedarf
- eine verstärkte Wahrnehmung der eigenen Kompetenzen durch das Netzwerk
Welche Risiken gibt es?
Vitamin B kann auch Schattenseiten haben. Wenn persönliche Beziehungen den Vorrang vor Qualifikationen bekommen, ist schnell von einer sogenannten Vetternwirtschaft die Rede. Denn werden Positionen nicht transparent, sondern an gute Bekannte oder Netzwerkkollegen vergeben, sind Frust und Ärger bei den Kollegen vorprogrammiert. Das Gefühl der Ungleichbehandlung kann zudem zu Unfrieden und Konflikten im Team führen. Darüber hinaus besteht das Risiko, dass Netzwerke, die sich nur innerhalb bestimmter Gruppen bilden, Diversität sowie Chancengleichheit einschränken.
Wie baut man Vitamin B strategisch auf?
Ein starkes berufliches Netzwerk entsteht selten über Nacht. Es wächst Stück für Stück – durch Präsenz, Austausch und kluge Investitionen in Beziehungen. Diese Wege haben sich dabei bewährt.
- Früh anfangen: Kontakte sind wie Pflanzen: Wer sie rechtzeitig sät, erntet später die Früchte. Beziehungen aufzubauen, bevor sie dringend gebraucht werden, macht sie im entscheidenden Moment wertvoll.
- Sichtbar werden: Ob Konferenzen, Workshops oder interne Events – wenn Sie regelmäßig an verschiedenen Veranstaltungen teilnehmen, bleiben Sie im Gedächtnis. Manchmal reicht aber auch schon ein intensives Gespräch in der Kaffeepause, um Türen zu öffnen.
- Online-Netzwerke nutzen: Plattformen wie LinkedIn oder XING sind digitale Bühnen. Hier zeigt sich, wer Fachwissen teilt, sich einbringt und über den eigenen Schreibtisch hinaus Kontakte knüpft.
- Enge Beziehungen aufbauen: Ein Mentor oder eine Schlüsselperson können ganze Karrierewege prägen. Wichtig ist, solche Verbindungen mit Authentizität und gegenseitiger Unterstützung zu füllen.
- Über den Tellerrand schauen: Ein starkes Netzwerk endet nicht in der eigenen Abteilung. Kontakte zu Kollegen aus anderen Bereichen, Hierarchiestufen oder Branchen bringen Vielfalt und definitiv viele neue Perspektiven.
- Kontakte pflegen: Beziehungen wollen gelebt werden. Ein kurzer Glückwunsch zum Erfolg, ein gemeinsamer Austausch über Fachthemen oder ein regelmäßiges Wiedersehen halten Verbindungen lebendig und machen sie im Ernstfall zu einem wichtigen Vitamin B.
Urheber des Titelbildes: rh2010 / 123RF Standard-Bild
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