Warum verraten Metadaten so viel über uns?

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Metadaten geben Aufschluss darüber, wann, wo, wie lange, mit welchem Gerät und Programm jemand mit anderen Personen oder Computern kommuniziert hat. Mit anderen Worten: Bei diesen sogenannten Verkehrs- oder Verbindungsdaten handelt es sich um sämtliche Spuren, die bei elektronischen Kommunikationsvorgängen anfallen – außer den Inhalten der Gespräche, Nachrichten oder Internetverbindungen. Metadaten geben viel mehr über uns preis als die Kommunikationsinhalte, sagen Experten. Warum ist das so?

“Wir töten auf Basis von Metadaten”, erklärte kürzlich der ehemalige NSA- und CIA-Chef Michael Hayden. Dieser Satz sorgt bei einem deutschen Nutzer, der die Rechtsprechung diesseits des Atlantiks kennt und schätzt, schon mal für Gänsehaut.

Andererseits weist uns die Metadaten-Gier in Geheimdienstkreisen weltweit – auch beim deutschen BND – darauf hin, dass die unscheinbaren Verbindungsdaten unserer alltäglichen Kommunikation unglaublich viel über uns verraten müssen.

 

100 Metadaten verschickt ein Smartphone

Wer Metadaten systematisch sammelt, kann detaillierte Profile einer Zielperson erstellen. Als Sammler kommen neben Spionagebehörden auch Unternehmen und Cyber-Kriminelle mit Zugriff auf Big-Data-Server und zentrale Internetleitungen infrage.

Ein Smartphone-Otto-Normal-Nutzer kann nahezu 100 technische Daten über Anrufe, SMS und andere Aktivitäten preisgeben, hat dem Wall Street Journal zufolge eine Studie der University of Ontario ermittelt. Welche Daten und wie häufig er sie verschickt, kommt auf die jeweiligen Kommunikationsgewohnheiten an.

Wann und von wo wurde telefoniert? An wen eine E-Mail verschickt? Auf welchen Internetseiten gesurft? Welche Gerätemodelle dafür genutzt? Wer sind häufige Kontakte? Und wer die Kontakte der Kontakte? Allein anhand derartiger Verbindungsdaten, die jeder von uns täglich zahllos durch digitale Kommunikationsnetze schickt, können Geheimdienste das persönliche Umfeld einer Person analysieren.

Metadaten geben Aufschluss über regelmäßige Telefonpartner, Freunde in sozialen Netzwerken, besuchte Webseiten und sämtliche Verbindungen im Internet.

Mit den ebenfalls übermittelten Standortinformationen – bei der Handy-Nutzung können bei ausgeschaltetem GPS die genutzten Mobilfunkmasten in unmittelbarer Nähe ermittelt werden – lassen sich Bewegungsprofile erstellen, mit denen Experten buchstäblich den nächsten Schritt einer überwachten Person hervorsagen können.

 

„Die NSA weiß, dass du Grippe hast, bevor du es weißt“

Der Zugriff auf einen Metadatensatz einer Person ermöglicht es, Interessen, Vorlieben, Verhaltensweisen, Meinungen oder soziale Kontakte festzuhalten. Was diese Informationen verraten können, erklärte der Blogger und Netzexperte Sascha Lobo kürzlich in einem Stern-Interview:

„Nur anhand dieser Metadaten kann man herausfinden, ob eine Person am nächsten Tag Grippe bekommen wird, noch bevor sie es selbst weiß. Man schaut sich das Handy an. Man schaut sich die Bewegungsmuster an. Und mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit kann man herausfinden, ob diese Person sich deshalb weniger bewegt, weil sie am nächsten Tag krank wird.“

Zur Erinnerung: Für dieses schier allumfassende „Metadaten“-Wissen müssen die Inhalte der Kommunikationsvorgänge nicht vorliegen. Deshalb bezeichnen Expterten diese Datensätze auch als digitale Fingerabdrücke.

 

Riesige Datenberge, Nutzer noch machtlos

Zwei Spiegel-Reporter schreiben in ihrem Buch “Der NSA-Komplex”, die NSA sammle täglich bis zu sechs Milliarden Metadaten. Der digitale Fingerabdruck kann jederzeit und von jedem Ort aus von Handys, Smartphones und Computern abgelesen, gespeichert und ausgewertet werden.

Das Problem: Metadaten lassen sich fast gar nicht schützen. Während sich Inhalte von E-Mails, Kurzmitteilungen, Telefongesprächen oder Chat-Nachrichten mit speziellen Software-Programmen verschlüsseln lassen, ist genau das bei Metadaten fast unmöglich – erst recht für Laien.

Metadaten – ein Begriff, der verharmlost?

Datenschützer schlagen schon lange Alarm und kritisieren das Speichern der sensiblen Metadaten. Von der Politik wurde die Datenschutz-Problematik der Metadaten-Sammelei bislang heruntergespielt oder schlicht nicht verstanden. Schließlich handele es sich bei „nur“ um Verbindungsdaten und nicht um Inhalte von Nachrichten und Gesprächen handle, so der Tenor.

Dass vielen Verbrauchern die Brisanz dieser Daten gar nicht bewusst ist, kann für Geheimdienste nur von Vorteil sein.

Der politik-kritische Blog „Neusprech“ zeichnete aus diesem Grund das Wort „Metadaten“ mit einem „Big Brother Award“ aus. Die Begründung: Der unscheinbare Begriff diene der sprachlichen Verheimlichung einer weltweiten, großangelegten Überwachung von Menschen.


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