Boreout: Wenn Arbeitnehmer unterfordert sind

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Wer gibt schon gern zu, dass ihm im Job langweilig ist? Während Burnout − das Gefühl des Ausgebranntseins mit körperlicher, geistiger und/oder emotionaler Erschöpfung − mittlerweile gesellschaftlich anerkannt ist, wird der sogenannte Boreout meist als Faulheit abgetan. Denn in einer Leistungsgesellschaft, in der sich viele Menschen über ihren Beruf definieren, zählt der am meisten, der so viel wie möglich arbeitet. Dabei können auch Unterforderung, Monotonie und der ständige Druck, Aktivitäten vortäuschen zu müssen, antriebslos oder sogar krank machen. Dies äußert sich oft in chronischen Rückenschmerzen, Herz-Kreislauf-Krankheiten oder Depressionen.

 

Anzeichen von Bore-out

Die Schweizer Unternehmensberater Philippe Rothlin und Peter Werder stellten in ihrem Buch “Diagnose Boreout“ im Jahr 2007 (Neuauflage „Unterfordert” von 2014, Verlag Redline Wirtschaft, ISBN-10: 3868815511) das Symptom erstmalig einer breiteren Öffentlichkeit vor. Laut Stressreport 2012 der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin leiden 13 Prozent der abhängig Beschäftigten unter fachlicher und fünf Prozent unter mengenmäßiger Unterforderung. Betroffene sind also nicht faul und schaden so vorsätzlich ihrem Arbeitgeber, sondern sie werden in die Situation hineinmanövriert. Gründe sind unter anderem zu wenige, falsche oder eintönige Aufgaben, die Rationalisierung von Tätigkeiten oder Auftragsflauten.

Schleichend, manchmal über Jahre, entwickeln Boreout-Betroffene Strategien, um ausgelastet zu wirken: Oft täuschen sie vor, extrem beschäftigt zu sein, strecken Projekte über mehrere Tage oder machen Überstunden, um zu kaschieren, dass sie nur wenig tun. Aber genau diese Vertuschungsstrategien erzeugen Stress, bewirken ein Gefühl der Wertlosigkeit und belasten die Gesundheit. Auf der Strecke bleiben dabei Loyalität und Effizienz.

 

Selbsthilfe

Der Weg hin zu Veränderungen beginnt mit der Selbsterkenntnis. Um die (Un-) Zufriedenheit mit dem Job realistisch einzuschätzen, können Sie mindestens eine Woche lang Protokoll führen: Notieren Sie Ihre echten Tätigkeiten inklusive der dafür benötigten Zeit ebenso wie all das, was Sie nebenbei tun und nichts mit Ihrer Arbeit zu tun hat. Wann kommt besonders Langeweile auf? Was macht Ihnen wirklich Spaß und wann sind Sie gelangweilt?

Der zweite Schritt ist Eigeninitiative: Reden Sie mit Ihrem Vorgesetzten. Versuchen Sie, die Situation positiv zu formulieren, und bitten Sie um neue und weitere Aufgaben. Machen Sie am besten eigene Vorschläge und zeigen Sie unerschlossene Arbeitsgebiete auf. Sollte Ihr Chef keine Zusatzaufgaben für Sie haben, können Sie vorschlagen, weniger zu arbeiten. Auch wenn Sie dadurch weniger verdienen, können Sie mehr Lebensqualität gewinnen. Vielleicht gibt es in Ihrem Unternehmen auch eine freie Stelle mit anderen Kollegen und einem anderen Aufgabengebiet − das kann einen großen Energieschub geben. Ein Mittel gegen Bore-out ist außerdem Weiterbildung als Erweiterung der eigenen Kompetenzen und dadurch eine hoffentlich erhöhte Wertschätzung seitens des Arbeitgebers.

Falls Sie sich überhaupt nicht mehr für Ihren Job motivieren können, sind klare Worte unbedingt notwendig. Eventuell bleibt dann nur noch die Kündigung und eine berufliche Umorientierung.

 

Kostenfaktor Bore-out

Die Autoren Rothlin und Werder schätzen, dass sich der gesamtwirtschaftliche Schaden durch Boreout in Deutschland auf über 250 Milliarden Euro beläuft. Für Unternehmen lohnt es sich also, das Thema ernst zu nehmen und den Fokus in der Arbeitsorganisation sowie im betrieblichen Gesundheitsmanagement nicht nur auf Burn-out zu richten, sondern auch auf die Auswirkungen der Unterforderung und Antriebslosigkeit. Probleme können sich bereits aus der in Deutschland stark ausgeprägten Präsenzpflicht am Arbeitsplatz ergeben, in der die Zeit abgesessen werden muss, auch wenn gerade Flaute herrscht. Hier würde es helfen, Strukturen aufzubrechen, Arbeitszeiten flexibler zu gestalten und Heimarbeit zuzulassen.

Um Veränderungsmaßnahmen einleiten zu können, sollten Arbeitgeber die Gründe dafür analysieren, warum Mitarbeiter am Arbeiten gehindert werden. So können zum Beispiel Ursachen in der Organisation liegen, etwa dann, wenn die Stellenanforderung einerseits und die Qualifikation des Stelleninhabers andererseits nicht zusammenpassen. Vorgesetzte sollten in der Lage sein, den Aufgabenumfang und -inhalt ihrer Mitarbeiter an neue Umstände anzupassen. Denn oft hängt die Unterforderung eines Mitarbeiters direkt mit der Überforderung eines Kollegen zusammen, weil die Aufgaben ungleich verteilt sind. Ein Mittel ist dann, Aufgaben und Verantwortung an unterforderte Mitarbeiter abzugeben, um den Workflow zu verbessern.

Wichtig ist insbesondere, dass sowohl Führungskräfte als auch ein Betriebsrat für das Thema Boreout sensibilisiert sind. Denn sonst wird dieser gar nicht erst erkannt.

 

Können Sie Erfahrungen zum Thema beitragen − als Betroffener oder als Vorgesetzter? Wie haben Sie die aufgetretenen Probleme gelöst? Ich freue mich auf Ihr Feedback.

 

Urheber des Bildes: © goodluz – Fotolia.com

 


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